Città irreale

Regie: Anja Horst, Jonas Knecht
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Kunstmuseum St. Gallen, 2021
Sparte: Audiowalk

Prekäre Privatsituationen, enttäuschte Hoffnungen, geschlossene Vorhänge, Quarantäne, Desaster auf den Intensivstationen dieser Welt, Verschwörungstheorien, Gendergap, klaffende soziale Unterschiede, Revolte, Ausnahmezustände, machtpolitische Verschiebungen
… Die Gesichter hinter Masken und die Körper auf Distanz – der potentielle Feind in Form von sprungbereiten Viren im Anderen … was, wenn wir uns daran gewöhnen? Oder im Gegenteil: was wäre, wenn uns dieser jammerhafte Zustand solidarischer, bewusster, liebevoller werden liesse? Wie wird sich das Zusammenleben auf diesem Planeten verändern?

Zum wiederholten Mal stellt die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft weltweit vor ungeheuere Herausforderungen. Die gesundheitlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Auswirkungen werden uns noch lange beschäftigen. Zugleich müssen wir als Kulturschaffende neue Formen finden, die dem social distancing gerecht werden, aber auch unserem Auftrag, gesellschaftliche Prozesse aktiv zu begleiten.
So entstand der Gedanke zu einer ungewöhnlichen, spartenübergreifenden Koproduktion des Schauspielensembles mit dem Kunstmuseum Sankt Gallen. In der Ausstellung Città irreale werden raumgreifende und skulpturale Arbeiten aus den Beständen des Kunstmuseums zu sehen sein, die zum Teil begehbar sind und sich auf einen sozialen Kontext beziehen. In dem gleichnamigen Audiowalk können Besucher*innen der Ausstellung über Kopfhörer erleben, wie diese Landschaft vergangener Utopien und Dystopien zu neuem, fiktivem Leben erwacht. Die Kunst-Objekte werden zu Reflexionsräumen einer Città Irreale, einer Stadt, die es nicht gibt, aber geben könnte.

Grenz.land

Konzept: Erato Tzavara, Albrecht Ziepert, 12H Dance
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Theater Vorpommern, 2020
Sparte: Tanz & audiovisuelle Installation

Grenzen haben Konjunktur. Seit sich Deutschland mit einer steigenden Zahl von Schutzsuchenden konfrontiert sieht, gibt es Tendenzen, sich immer mehr abzuschotten. Das Stück GRENZ.LAND nahm diese Entwicklung 2020 zum Ausgangspunkt, um sich im Rahmen einer Residenz auf Schloss Bröllin mit dem Phänomen der Grenze in unserer heutigen Gesellschaft zu beschäftigen – nicht nur als geografische Trennung zwischen Nationalstaaten, sondern auch innerhalb eines Landes. Im Mittelpunkt standen dabei Aspekte wie Zugehörigkeit und Ausschluss sowie die Frage mit welchen Grenzen sich „Zugezogene“ konfrontiert sehen. Im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern dieser Region entstand eine audiovisuelle Installation im öffentlichen Raum und ein multimediales Tanzstück. 


Fotos: Peter van Heesen (u.a.)

Ein Projekt von VORPOMMERN TANZT AN – movin’ bröllin gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern, dem Vorpommern-Fonds und unterstützt durch die Hansestadt Stralsund. Das Tanzstück GRENZ.LAND wird unterstützt vom Arts Council Korea.

Shows:
01.08.2020 Bröllin/Schloss Bröllin
07.-08.08.2020
Greifswald/Pommersches Landesmuseum
12.-13.8.2020 Stralsund/Hafen
17.8.2020 Putbus/Orangerie
04.-05.08.2021 Rostock/Theatervorplatz
07.-08.08.2021 Schwerin/Markplatz
11.08.2021 Neubrandenburg/Marktplatz
13.-14.08.2021 Wismar/Hafenspitze
03.06.2022 Busan/Busan Int. Festival (Südkorea)
11.06.2022 Seoul/Modafe Festival (Südkorea)
17.-19.06.2022 Daegu/Yeongnamjeilgwan (Südkorea)
02.07.2022 Gimhae/West Gimhae Cultural Center (Südkorea)
22.-25.09.2022 Berlin/Tempelhofer Feld
01.-02.12.2023 Daegu/Daegu Arts Center (Südkorea)

Die lächerliche Finsternis

Regie: Jonas Knecht
Ort/Jahr: Theater St. Gallen, 2020
Sounddesign: Albrecht Ziepert
Sparte: Livehörstück

Ein somalischer Pirat bittet vor dem Hamburger Landgericht um Verständnis für seinen Überfall auf das Frachtschiff MS Taipan und beklagt den Verlust seines Freundes Tofdau. Hauptfeldwebel Pellner und der Gefreite Dorsch fahren mit einem Patrouillenboot hinein in die Regenwälder Afghanistans. Ihr Auftrag: Liquidierung eines durchgedrehten Oberstleutnants. Die Reise führt immer tiefer in eine wirr wuchernde Welt, in der koloniale Geschichte und neokolonialistische Realitäten untrennbar miteinander verbunden sind. Immer weiter entfernen sie sich von der sogenannten Zivilisation, hinein in die Wildnis und Dunkelheit. Als der ertrunkene Pirat Tofdau unerwartet in die Geschichte zurückkehrt und in der Finsternis um Hilfe fleht, wird er von Hauptfeldwebel Pellner erschossen. Denn in dieser Erzählung ist kein Platz mehr für einen Fremden.

Skurril und filigran, ironisch und zugleich unendlich traurig beschreibt Wolfram Lotz in seinem Hörspiel Die lächerliche Finsternis unsere Unfähigkeit, das Fremde wirklich verstehen zu können: Das Grauen eines weit entfernten Kriegs, eine andere Kultur, einen anderen Menschen und zuletzt sogar sich selbst

Biedermann und die Brandstifter

Regie: Mona Kraushaar
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Theater Bozen, 2020
Sparte: Schauspiel

„Biedermann und die Brandstifter“ – uraufgeführt 1958 am Schauspielhaus Zürich – ist eine Parabel mit starker politischer Sprengkraft. Max Frisch nimmt darin das brave, gehorsame Bürgertum ins Visier, Gutmenschen, die blind zu Meinungsmacher*innen und im Handumdrehen zu Mitläufer*innen politischer Ideologien werden können. Ein literarisches Mahnmal. Regisseurin Mona Kraushaar sucht mit Blick auf Covid-19 nicht nur eine spannende Ästhetik für diesen Text, sondern klopft ihn mit Humor auf seine brisante Aktualität ab.

Waldesruh

Regie: Anna-Sophie Mahler
Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Deutsche Oper Berlin, 2020
Sparte: Musiktheater

Der Topos vom Wald als Ort deutscher Romantik wurde über die letzten 200 Jahre unterschiedlichsten Umformungen ausgesetzt: Ob als Inbegriff romantischer Weltflucht, Spießigkeit, militaristischer Uniformität, Ökospiritualität oder Seismograph des Klimawandels – der Wald war und ist Projektionsfläche gesellschaftspolitischer Phänomene.

Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihr Team nehmen Recherchegespräche mit Spezialist*innen und Wissenschaftler*innen zum Ausgangspunkt für ihren zweiteiligen Musiktheaterabend, der einerseits zum Lernen und Erfahren einladen möchte, andererseits Perspektivwechsel herbeiführen wird: So werden sich romantische Chorliteratur und Waldlieder mit Zeltlageratmosphäre verbinden, erfährt das Publikum mehr über Pilzstrukturen und die Kommunikation der Bäume und verwandelt sich die kahle Tischlerei in einen imaginären Wald. Der Abend gipfelt in einer konzentrierten Aufführung von Morton Feldmans »Triadic Memories« – ein außergewöhnliches Stück für Klavier solo. 1981 entstanden, handelt es sich um ein Spätwerk von Feldman, das von extremer Reduktion, Klarheit und Offenheit lebt.

Anna-Sophie Mahler ist sowohl in der Oper als auch im Schauspiel zu Hause. Oftmals erarbeitet sie im Team Abende, die von Recherchematerial ausgehen und bekannte Bühnenstoffe mit den Biografien von »echten Menschen« konfrontieren.


Fotos: Thomas Aurin

Leonce und Lena

Regie: Mona Kraushaar
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, 2020
Sparte: Schauspiel

Eine märchenhafte Utopie von einem Land, in dem die Sonne niemals untergeht, Arbeit verboten ist, Religion keinen Einfluss hat und die Sinnlichkeit triumphiert.

360º

Choreographie: Yamila Khodr, Moonsuk Choi (12H Dance)
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Ufer Studios Berlin, 2019
Sparte: Tanz

Based on their personal migration stories, four dancers deal with topics of new beginnings, uprooting and adaptation processes. Who are we, where do we come from, what do we leave behind? It is a search full of obstacles and questions, between hope and disappointment, memory and dreams, south and north, east and west. Always on the way in between. A constant journey, a life in transit.

It is a game of positioning, of changing directions and relationships. Always new formations that demand a mutual reaction. Come to the silence. Stop. Chopped mechanical movements alternate with fast phrases and slow motion. Everyday movements are transformed into a complex choreographic dance vocabulary, accompanied by the atmospheric electronic soundscape of Albrecht Ziepert.

12 hours – That’s the 12 hour time difference between South Korea and Argentina.
360 ° – This is an eternal circle, a constant movement, a wheel that keeps turning.

A 12H Dance production in collaboration with Verdever and the support of Arts Council Korea, Uferstudios Berlin, Auspiciado por el Ministerio de Cultura de la Nación Argentina declarado de interés cultural.

Der letzte Schnee

Regie: Jonas Knecht
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Konzert Theater Bern, 2019
Sparte: Schauspiel

Da sitzen zwei Männer am Skilift und können kein Wässerchen trüben. Sie sortieren Bügel, ordnen Billette und lassen ab und an eine Be­merkung zur Lage der Welt fallen. Dabei könnte ihnen todsicher eines die Laune trüben: Es ist Winter und es fällt kein Schnee. Die Skifahrer bleiben aus. Was tun? Weitermachen, sprich erzählen, fantasieren, fabulieren. Vielleicht lässt er sich ja herbeireden, der Schnee, wenn man so tut, als ob nichts wäre.

Arno Camenischs neuster Roman ist charmant und etwas skurril, und er lebt wie Ustrinkata und Fred und Franz, die beide an Konzert Theater Bern uraufgeführt wurden, von seinen liebens­wert-schrulligen Hauptfiguren. Diesmal ist er aber auch hochpolitisch, weil er erzählt, wie eine sich erwärmende Natur unser Leben verändert und zum Verschwinden bringt. Jonas Knecht ist Schauspieldirektor am Theater St. Gallen und experimentiert dort mit Formaten, Texten und Dialekten. Mit der Kontrabassistin Anna Trauffer übersetzt er Camenischs Roman in ein Live-Hörspiel – bis vor unseren Augen die Schneelandschaft entsteht, die wir zwar nicht sehen, aber plötzlich hören können.


Fotos: Annette Boutellier

Eingeladen zum 7. Schweizer Theatertreffen.

Lalka

Regie: Wojtek Klemm
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: Teatr im. J. Słowackiego w Krakowie, 2019
Sparte: Schauspiel

Die traditionellen Werte sind aufgebraucht, der Positivismus hat sich als Utopie erwiesen, der Modernismus hat seine Werkzeuge noch nicht entwickelt. Unter diesen Umständen versuchen die Menschen, ihre Ziele um jeden Preis zu erreichen. Diese Tätigkeit basiert jedoch nicht auf der Reinheit von Absichten und menschlichen Leidenschaften, sondern ist eher wie ein Streit mit einem Verrückten. Hier regiert weder Geld noch Liebe die Welt. Alle Aktionen scheinen einige Illusionen zu unterstützen. Sogar der Staat ist rein illusorisch. Was ist die Illusion? Warum ist es so wertvoll? Warum begehrt sie jeder so sehr, obwohl dieser Wunsch völlig schwächt? Ist dieses phantasmatische Objekt des Verlangens kein süßes Versprechen, Macht zu haben? Kraft, die über die Welt der Werte und zwischenmenschlichen Beziehungen hinausgeht. Autorität, die ihre Stärke aus Täuschung schöpft? Ist nicht das mythische “Metall leichter als Luft”?


Photos by Michał Ramus

König Macius der Erste

Regie: Wojtek Klemm
Musik & Sounddesign: Albrecht Ziepert
Ort/Jahr: theater junge generation Dresden, 2019
Sparte: Schauspiel

Für Macius führt kein Weg an der Verantwortung vorbei: Als er zehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater und er erbt Krone und Regierungsgeschäfte. Doch statt ihn bei dieser (über-)großen Aufgabe zu unterstützen, erlebt Macius, wie die Erwachsenen versuchen, Kapital aus seiner Schwäche zu ziehen. Die Könige des Nachbarreichs überfallen sein Land und zwingen ihm Krieg auf. Seine Berater nehmen ihn nicht ernst und versuchen, ihn zu manipulieren. Ständig an den Grenzen seiner eigenen Kraft besinnt sich Macius auf die Menschen, denen er vertraut, und auf das, womit er sich auskennt: „Ich will König der Kinder sein, denn ich bin selbst noch klein, da weiß ich besser, was Kinder brauchen.“ Von nun an soll es zwei Parlamente geben, eins für Kinder und eins für Erwachsene. Die Parlamentsdebatten der Kinder sind wild und engagiert, es wird gestritten und argumentiert, Gegensätze werden ausgetragen und Alternativen zur gewohnten Ordnung erfunden. Doch nicht jede Hoffnung erfüllt sich, nicht jede gute Idee kann sich durchsetzen und so einfach ist die Welt der Erwachsenen eben doch nicht von der Welt der Kinder zu trennen.

Dem 1928 von Janusz Korczak geschriebenen und 1971 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Kinderbuch „König Macius der Erste“ gelingt etwas, das großartig und zugleich tragisch ist: Es hat seit seiner Entstehung nichts an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Weiterhin beschäftigt Kinder und Erwachsene, wie sie gemeinsam die Dinge aushandeln wollen, wer was bestimmen darf und wie Macht und Verantwortung geteilt werden sollen.